Hochrisikoeinrichtung – Katze gegen Kissen

Wir lieben Katzen.

Wir lassen uns von ihnen zu nachtschlafender Zeit wecken, verzichten auf jegliche Privatsphäre im Bad und nehmen es in Kauf, dass unsere Kleidungsstücke ausnahmslos einen modischen Katzenhaarbesatz aufweisen.

Und – wir passen den kleinen Samtpfoten unser Wohnumfeld an.

Wir leben in selbst gewählter Askese, verzichten auf empfindliche Textilien, kippelige Kerzenständer und dunkle Teppiche.

Dennoch: manchmal siegt eben das Haben-wollen über die Vernunft! Die Vorhänge aus kunstvoll besticktem Taft, die sündhaft teure Glasvase, die beim leisesten Windhauch umzufallen droht oder der orientalische Teppich, dessen Gegenwert einem Kleinwagen entspricht: irgendwann kaufen wir uns doch diese EINE Sache, die uns jenseits aller Vernunft glücklich macht. Für 5 Minuten stellen wir unseren katzenerprobten Menschenverstand in den Wandschrank und sonnen uns im goldenen Lichtstrahl unseres Neuerwerbs.

Dann bricht, oft in einem Moment unbeschwerter Entspannung, die Realität über uns herein und wir werden Zeuge des Kampfes von Natur gegen Zivilisation, Wildheit gegen Etikette, Raubkatze gegen Mensch.

Normalerweise läuft das in 4 Stufen ab:

  1. Ablehnung,
  2. Erforschung,
  3. Inbesitznahme,
  4. kreative Weiterbearbeitung.

Ganz in diesem Sinne erlag ich eines Tages meinem Optimismus und kaufte ein traumhaftes und nicht ganz billiges „Trina Turk“ Kissen, das meiner bisher eher günstigen Kissenparade sozusagen den I-Punkt aufsetzen sollte. Die Tatsache, dass das aufgestickte Muster förmlich darauf zu warten schien, dass man mit den Krallen hinein hakt und an den Fäden zieht, blendete ich geflissentlich aus.

Noch im Bann meiner Neudekoration stehend und von Leichtsinn beseelt, rief ich, Stufe 1 einläutend, meine beiden Stubentiger. Das Kissen erblickend, machte Neo erst einmal entsetzt einen Sprung rückwärts. „Hilfe! Falsche Form! Falscher Geruch! Feind!“ sagte sein Instinkt. Katzen sind ausgesprochene Status-Quo-Tiere.

Mi zeigte hingegen kein Interesse und wollte lieber Futter. „Ein Problem weniger!“ dachte ich.

Aus sicherer Entfernung fing Neo nun an, das Kissen zu beäugen, sich ihm mit vorsichtigen Schritten zu nähern und es letztendlich ausgiebig zu beschnuppern. Dann erklärte er es für uninteressant und trollte sich zu Mi in die Küche – Essen war wichtiger und Stufe 2 abgeschlossen.

Etwa zwei Wochen lang dachte ich, ich sei noch einmal davongekommen. Durch meinen scheinbaren Erfolg beflügelt, sah ich mich in Gedanken schon ballenweise zarte Seidenstoffe kaufen, als ich eines Tages nach Hause kam und Stufe 3 gegenüber stand.

Müde blinzelte mich die Mi an, gemütlich eingerollt auf MEINEM Kissen liegend, während Neo mein Heimkommen gar nicht bemerkt hatte – zu tief hatte er, eng an MEIN Kissen geschmiegt, seine Nase hinter MEIN Kissen gesteckt und schlief seelenruhig.

Das war doch die Höhe! „Hey!“ rief ich empört durch den Raum, „Euch ist schon klar, dass das MEIN Kissen ist?!?“ Mi gähnte. Neo räkelte sich und wackelte mit der Hinterpfote.

„Neo! Mi!“ Keine Reaktion. Ich musste offensichtlich etwas nachdrücklicher werden.

Mit drei Schritten war ich beim Sofa und wollte die Mi von ihrer illegalen Schlafstätte heben. Wie ein nasser, sehr unwilliger Mehlsack erhob sich die Mi in die Lüfte – zusammen mit dem Kissen, das fest verhaftet an ihren Krallen baumelte. Mein Kissen!!! Vorsichtig setzte ich die Katze samt Kissen wieder in Position.

Neo, durch die Unruhe erwacht, blinzelte mich mit einem Blick an der deutlich besagte: „Macke?“

Ich gab erst einmal auf. „Sie schlafen ja nur darauf!“ dachte ich. „Sie machen es ja nicht kaputt!“ dachte ich.

Zumindest, bis die Mi sich eine halbe Stunde später erhob, einmal um sich selbst drehte und begann, hingebungsvoll auf MEINEM Kissen zu stapfen. Ausgefahrene Krallen inklusive. Ich flog förmlich durch die Wohnung, um die zarten Stickereien vor der Zerstörung zu bewahren. „Nein!“ rief ich. „Mi! Keine Krallen! Keine Krallen!“ Erschrocken hielt die kleine Madame inne und schaute mich mit vorwurfsvollen Augen an, während ich ihre Vorderpfoten behutsam vom Kissen löste und die Katze auf den Arm nahm. Dann stupste ich Neo an – einmal, zweimal, fünfmal – bis er halbwegs wach war und sagte eines der wenigen Dinge, die seine unmittelbare Aufmerksamkeit erregen: „Komm, Leckerchen!“

Während die Katzen in der Küche ihre Notwehr-Leckerlis vertilgten, reifte in meinem Kopf ein Plan.

Desinteresse – das war die Lösung!

Kaum etwas macht einen Gegenstand für Katzen attraktiver als die Aufmerksamkeit von Herrchen oder Frauchen: In dem Maße, wie der Mensch sein Hab und Gut gegen die kleinen Tiger zu schützen versucht, wächst deren Beharrlichkeit. Was eigentlich nur mäßig interessant wäre, gewinnt  an unwiderstehlichem Reiz allein schon durch das Angstaroma, das Frauchen aus allen Poren schwitzt, sobald sich die Katzen dem verbotenen Gegenstand auf drei Meter nähern. Folglich musste ich nur so tun, als sei mir das Kissen völlig egal.

Also widmete ich mich, Gleichgültigkeit vortäuschend, anderen Dingen – immer mit einem Seitenblick auf MEIN Kissen und den einen oder anderen Versuch, der Mi beizubringen, ohne ausgefahrene Krallen zu stapfen.

Trotz allem hielt die Popularität des Kissens noch eine Weile an, und zwei oder drei Wochen lang kreiste das Leben der Katzen um Trina Turk. Zum Glück lag der Kater meistens nur mit Rücken oder Po am Kissen, während er genussvoll weitere Löcher neben die bereits vorhandenen in die Sitzfläche meines Sofas bohrte. Der Mi hingegen schien das Kissen einen derart tiefen Schlaf zu bescheren, dass sie kaum zum Drehen, Wenden und Kratzen kam. Sie schlief einfach nur vor sich hin, friedlich zusammengerollt, MEIN Kissen unter sich zerdrückend.

Dennoch kam der Tag, an dem mein Blick ganz zufällig an einem kleinen grünen Faden hängen blieb, der dezent vom Kissen herabbaumelte. Mein Herz setzte einen Schlag lang aus und holperte gefährlich, als ich bei näherer Inspektion weitere lose Fäden entdeckte. Mit einem flauen Gefühl im Magen und einer Standpauke auf den Lippen begab ich mich ins Schlafzimmer, da die Katzen heute das frisch bezogene Bett dem Rest der Wohnung vorgezogen hatten.

Ich betrat den Raum und wappnete mich. „Neo? Mi?“ fragte ich streng. Unisono erhoben sich zwei strubbelige Katzenköpfe und vier große Augen schauten mich verschlafen an.

„Sagt mal…“ setzte ich an.

„Prrrr?“ machte Neo. Mi gähnte herzhaft.

„Ach, macht einfach Platz“ sagte ich, ließ mich zu den Katzen auf das Bett fallen und zog sie in meine Arme. „Ich hab Euch lieb.“

Die Moral von der Geschichte:

Man kann durchaus alles kaufen – man muss nur lernen, innere Ruhe zu bewahren und die tatkräftige Inbesitznahme durch die Katze als kreativ-handwerkliche Weiterbearbeitung verstehen. Diese macht unser Lieblingsstück obendrein zum Unikat, das wirklich nur wir ganz allein besitzen. Und das ist ja auch nicht übel!

 

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